20 - 10 - 2018

Gut besuchte Veranstaltung des Arbeitskreises

Dem kenntnisreich und locker dargebrachten Vortrag folgten ca.120 Interessierte.

Einen Video-Mitschnitt der Veranstaltung gibt es  H I E R .

                                             1913 – das letzte Vorkriegsjahr

Zum Vortrag von Prof. Georg Fülberth am 24. 1. 2013 im Gewerkschaftshaus

Den engen Zusammenhang der Jahre 1913 und 1914 zu unterstreichen war eines der durchgängigen Themen des Vortrags, den der emeritierte Marburger Politologie-Professor Georg Fülberth als Auftakt zur geplanten Veranstaltungsreihe des  Arbeitskreises „Jetzt schlägt´s 13“ hielt. Der Arbeitskreis hat sich zur Aufgabe gesetzt, die unsinnige und geldverschwenderische Konstruktion des „magischen Jahres 1913“, von dem Professor Christoph Stölzl in der Neujahrsveranstaltung der Stadt geschwärmt hatte, anzuprangern. Georg Fülberth stellte, konträr zur offiziellen Position der städtischen Kulturverwaltung, die These auf, 1913 sei vielmehr das letzte Jahr einer 43-jährigen Vorbereitung auf den Krieg gewesen, dessen Unausweichlichkeit seit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 feststand.

Der Streit um Elsass-Lothringen, dessen Verlust Frankreich nicht verschmerzen konnte, markierte die politische Dimension des Konflikts, der zwangsläufig zum Krieg führen musste; das weltweite Konkurrenzstreben der Industrie bildete die wirtschaftliche. Fülberth  erläuterte den Standpunkt der deutschen Militärs, als deren Vordenker Erich Ludendorff fungierte: Da der Krieg aus ihrer Sicht nicht zu vermeiden war, wollten sie den günstigsten Zeitpunkt seines Beginns selbst bestimmen.

Dazu kamen innenpolitische Gründe, vor allem die Furcht vor der Sozialdemokratie, die 1912 stärkste Kraft im Reichstag geworden war, sowie die unaufhaltsame Notwendigkeit einer Demokratisierung des Heeres, dessen Offizierskorps bisher allein dem Adel entstammte. Aufgerüstet wurde längst, die Drohung mit einem neuen Krieg hing wie ein Damoklessschwert seit Jahrzehnten über der deutschen Politik. Im Sommer 1914 wollte  man in Berlin die Krise um den Tod des österreichischen Thronfolgers nicht unnütz verstreichen lassen und tat nichts, um Österreich zurückzuhalten. .

Auf die Frage eines Zuhörers, warum die Sozialdemokratie entgegen ihren eigenen Vorsätzen mitgemacht habe, verwies der Referent auf das tiefsitzende Bedürfnis der Genossen, „mitspielen zu dürfen“. Und was die Braunschweiger SPD bewogen habe, einen solchen unsinnigen Spektakel zuzustimmen?, war die nächste Frage, die nicht vom Referenten, sondern aus dem Saal beantwortet wurde. Der Teilnehmer verwies darauf, dass fast alle Parteien im Rat  sich des ideologisch fragwürdigen Charakters des 1913-Projekts nicht bewusst gewesen seien. Sie hätte nicht gemerkt, dass hier unterschwellig für vordemokratische Verhältnisse geworben werde, was recht gut zum ´postdemokratischen Charakter unserer Zeit passe, woweitreichende Entscheidungen eher in geheimen Zirkeln als in gewählten Gremien fallen.

Das zahlreich erschienene Publikum dankte mit langem Beifall für die überzeugende Darstellung. Dem OB und der Kulturverwaltung wie auch ihren Helfern müssen die Ohren geklungen haben.

Ingeborg Gerlach

 

Weiterer Beitrag dazu von Ulenspiegel auf www.braunschweig-online.com:

Aw: www.jetzt-schlaegts-13.com - Zum Vortrag vor 17 Stunden, 39 Minuten  
Sehr gut, dass der Vortrag auch auf Video aufgenommen wurde. So findet er mehr Verbreitung.

Prof. Dr. Fülberth hat hier insgesamt ein sehr informativen Vortrag gehalten, der doch sehr viele Facetten den damaligen Kriegsgründe beleuchtet, seien es politische, wirtschaftliche und soziale, auch die Lage im damaligen Kaiserreich sowie die Auswirkungen, die all das gerade auch auf das Jahr 1913 bereits hatte, so dass hier eine Abspaltung dieses Jahres allein als "letztes Friedensjahr" oder "die Herzogshochzeit als positive Wirkung zu Wiedererstehung des Herzogstums Braunschweig mit europäischer Wirkung" eher als künstlich herbeizitiertes Konstrukt und gerade zu übertrieben anmutet.

1913 - das letzte Jahr der Kriegsvorbereitung

Prof. Fülberth weist explizit auf, dass 1913 nicht das letzte "Friedensjahr", sondern "das Jahr der Kriegsvorbereitung" war, welcher sich bis dahin bereits abzeichnete (Teil 1 des Videos). D.h., dass der Krieg kommen wird, war fast allen politisch Beteiligten (Kaiser, Adel, Kapital, Industrie und selbstverständlich auch den politischen Parteien, einschl. der damaligen SPD) vollends bekannt. Die Frage war nur noch, wann der günstigste Augenblick des Kriegsbeginns sein würde?

Krieg war absehbar

Damit sei allen gesagt, man hat den Krieg also kommen sehen (können)!
Dies kann auch somit Prof. Stölzl und OB Hoffmann verdeutlicht werden, die behaupten, das hätte man 1913 nicht wissen können, und dies auch noch als Argumentationsversuch verwenden, die kommenden Festivitäten ausschließlich auf die Fürstenhochzeit zu konzentrieren, den kommenden Weltkrieg im darauffolgenden Jahr 1914 aber ausklammern zu wollen, so als habe 1913 nichts mit den Kriegsvorbereitungen zu tun.

Aufschwung durch Krieg - ein Offenbarungseid inkompetenter Politik

Die Gründe für den Krieg, eine Folge von eingefahrenen, unflexiblen und tradierten als auch amtsanmaßenden Handlungen von Politikern als auch gekrönten Häuptern ( wie z.B. Verarmung durch sinkende Reallöhne, fehlende Sozialhilfeleistungen, erhöhte Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnungsverhältnisse mit Hilfe von Bündnisfehlern und damit auch Kriegstreiberei und in der Folge auch Arbeit durch Aufrüstung zu generieren). Dies zeigt doch, wie absurd die damals verantwortlichen politischen Akteure (Kaiser, Adel, Kapital) waren. Ein Krieg brachte die Heilung, ein Krieg konnte mit einem Schlag die poliitsche Unfähigkeit wieder wettmachen, setzte der 1913 herrschenden (Finanz)Krise ein Ende. Aber zu welch einem Preis?

Weshalb stimmten die damaligen Sozialdemokraten (vorwiegend Vertreter der Arbeiterschaft) dann diesem Krieg auch noch zu?

Prof. Dr. Fülberth : "Man wollte mitspielen!" (Video Teil 3)

Da zuvor die Sozialdemokraten verboten waren, es damals lediglich ein Drei-Klassenwahlrecht (Pluralwachlrecht, welches die Stimmgewichtigkeit nach Einkommen regelte) gab, haben sich die selbst die Arbeiter für einen Krieg ausgesprochen, um sich zukünftig mehr Demokratie und Einfluss zu sichern.

Man dachte, weil man Arbeiterschaft und Sozialdemokraten (Söhne aus Arbeiterkreisen für den Krieg zu rekrutieren mangels Engagement aus Adelskreisen, die keine Finanzierung/Steuerzahlung für den Krieg leisten als auch zur Stellung von Offizieren wegen zu wenig Nachfahren nicht in der Lage waren) mit am Kriegsgeschehen, an Offizierskarrieren und auch an der neuen vorgesehenen Kriegsfinanzierung mittels Reichssteuereinführung beteiligt waren, könne man zukünftig mehr Beachtung finden und endlich Demokratie einführen. Klingt absurd, war es dann auch, weil - es klappte nicht!

Umgekehrt hätten auch die Konservativen, Kapitalisten und die Kaisertreuen behaupten können, wir lassen die Sozis mitmachen, damit der Krieg auch wirklich gelingt und damit alle wirtschaftlichen Probleme erstmal in den Hintergrund rücken.

Man wollte mitspielen - der Plan der SPD ging nicht auf

Betrachtet man die Geschichte, gelang dies den damaligen Sozialdemokraten selbst nicht. Selbst das kurze Aufbäumen während der Novemberrevolution 1918, die zur Abdankung des Adels führte, führte nur dazu, dass sich die SPD damals erneut in die kommunistisch orientierte Gruppen sowie rechte Sozialdemokraten spaltete, das Bürgertum damit aber erneut die Oberhand gewann und gemeinsam mit konservativen Politkreisen lieber mit Hitler und Centrumspartei paktierte. Es mangelt den Sozialdemokraten an Solidarität, möchte man meinen.

Das erinnert auch an die erst kürzlich erfolgte Spaltung der modernen SPD, die sich nun in Konkurrenz zu DIE LINKE wiederfindet. Insofern ist das Jahr 1913 von gewisser Aktualität.

Mitspielen? - Heut etwa auch?

Wollen die heutigen Sozialdemokraten in Braunschweig denn wieder taktisch vorgehen und lieber Adelshochzeiten feiern statt sich hier auf ihre eigenen Ursprünge zu besinnen, die eigene Historie und Bestimmung hintenan stellen nur für einen Marketing-Coup? Oder gar, weil ihnen ein Willy-Brandt-Platz versprochen wurde? Man weiß es nicht, man sieht nur, dass wenig Kritik gegen diese Adels-Erinnerungsfestlichkeiten kommt von Seiten der Braunschweiger Sozialdemokraten.

Über einen langen Zeitraum betrachtet, haben bisher die "Kompromisse" der SPD dieser Partei mehr geschadet als die Kompromisse der Union. Letzterer traut man eben doch unterschwellig weniger Sozialkompetenz zu und wenn dann Vereinbarungen zwischen SPD und Union dann einem großen Teil der Bevölkerung Nachteile bringen oder gar Schaden, sind es am Ende immer die Sozialdemokraten, denen man solche Inkonsequenz am meisten verübelt.

Entdemokratisierung - heute

Beispiele: "Hartz-IV -Reform" wird der SPD zugeschrieben, die Union, welches sie derzeit über Jahre jedoch verschärft weiter betreibt, trifft kaum Kritik.
Privatisierung - teilweise von der SPD selbst verfochten und vorangetrieben, von der unionsgeführten Regierung weiter ausgebaut (auch hier in Braunschweig durch den OB), da wird vor allem die SPD kritisert, weil es ja auch eine Entdemokratisierung darstellt.
Ebenso der von Merkel initiierte "Fiskalpakt", die Bankenrettung - auch da mischte in der Großen Koalition teilweise die SPD tüchtig mit, was ihr heute angekreidet wird. All dies bedeutet Demokratieabbau, weil hier Verträge mit privaten Institutionen und Firmen geschlossen werden mit über 20- bis 25-jährigen Laufzeiten. Also weit über jede durch eine demokratische Wahl legitimierte Legislaturperiode Regierung hinaus. Damit muss sich jede auch noch so geartete Nachfolgerregierung an die zuvor geschlossenen Verträge zu halten genötigt sehen bzw. dann mit Steuergeld dagegen in Klage gehen.

Mit Privatisierung, Schuldenbremse, Bankenrettung, Fiskalpakt schafft also nicht nur die Union Demokratie ab, sondern auch oft die SPD. Sie stimmt ja oft zu, übernimmt sogar bereitwillig Unionsideen, um eine "Mitte" zu generieren.

Wann wird daraus eigentlich einmal eine Lehre gezogen bei der SPD?

Wieso muss man eigentlich nahezu alles mitmachen, nur um irgendwann in ferner Zukunft einen "größeren" Einfluss zu sichern? Das hat bisher wenig geklappt, selbst in Regierungszeiten wurden leider eher bescheidene Einflüsse sichtbar. So hat damals bereits Bismarck um Revolten zu vermeiden, sehr genau erwogen, wann es gilt, endlich mal ein paar Sozialgesetzgebungen zu gestatten und diese dann auch selbst eingeführt. Da konnte die Sozialdemokratie zwar brav die guten Ideen liefern, eingeführt wurden sie von konservativen Kreisen.

Erinnert mich auch an aktuelle Situationen, wo Merkel, nur wenn es für sie politisch eng wird, schnell mal Energiewende und Mindestlohnsektoren einführt - eigentlich jahrzehntelange Ideen von Grün-Rot. Und kommt Kritik aus den rotgrünen Reihen an der Ausgestaltung der Umsetzung der neuen Merkelthemen, heißt es von der Regierungsbank, Rot-Grün hätte selbst jahrelang Zeit gehabt während ihrer Regierungszeit und nichts getan. Dann fehlen leider oft kurze Antworten und damit geht Überzeugungskraft leider verloren bei der Opposition, sorry!

Also, was bringt es also bei einem regional begrenzten, vom Braunschweiger OB und zudem noch von der abgewählten CDU-Ratsfraktion ins Spiel gebrachten Adels-Spektakel mitzumachen? Hat man damals nicht genug mitgemacht? Oder möchte man sich nur wiederholen, damit man am Ende wieder nur da steht als ungläubwürdig Gewordener, als Pseudodemokrat?...

fragt Ulens?egel
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