26 - 04 - 2018

Ernst-August`s "Säbelherrschaft"

Militarismus nach außen, Säbelherrschaft nach innen


Keineswegs stehe die Kaisertochter Viktoria-Luise im Mittelpunkt des 1,2 Mio.€ schweren städtischen Kulturprojekts 1913, sondern vielmehr das Regieren ihres Bräutigams Ernst-August, so die Rechtfertigung von OB Hoffmann im Interview der BZ vom 21.9.2012. Und wie wurde regiert ?

Militarismus nach außen, "Säbeldiktatur" nach innen

Der sozialdemokratische "Volksfreund" titelte bereits einen Monat nach Ernst-Augusts Besteigung des Braunschweigischen Fürstenthrons ab 8.12.1913: "Protestversammlung. Militärdiktatur und Säbelherrschaft, Erste Straßenschlacht unter der Regierung Ernst Augusts... In unerhörter Weise hauste in den Straßen Braunschweigs das Regiment Wobesers gegen unbewaffnete Bürger..."

 Wie schon in den Monaten davor unter den Regenten Prinz Albrecht von Preussen und Johann-Albrecht ging es um soziale Forderungen und geiche Bildung, gegen"Teuerung" sowie um die Einforderung eines gleichen, allgemeinen Wahlrechts in einem der rückständigsten Fürstentümer.

Was fasziniert den Oberbürgermeister an dieser Form fürstlichen Regierens ?

Kriegsgedichte

von Herzog Johann-Albrecht gesammelte und in 10 Heftchen herausgegebene Kriegsgedichte

Allen Texten vorangestellt (in 10 dieser Heftchen mit Kriegsgedichten) glorifiziert Johann-Albrecht den heraufziehenden Ersten Weltkrieg. Hier ein paar Verse zur Einstimmung:

"Einst geschieht´s

Einst geschieht´s, da wird die Schmach
Seines Volks der Herr zerbrechen... 

Dann, o Deutschland, sei getrost!

Dieses ist das erste Zeichen,
Wenn verbündet West und Ost
Wider dich die Hand sich reichen.

Wenn verbündet Ost und West
Wider dich zum Schwerte fassen,
Wisse, daß dich Gott nicht läßt,
so du dich nicht selbst verlassen.

...

Bis du wieder stark, wie sonst,
Auf der Stirn der Herrschaft Zeichen,
Vor Europas Völkern thronst,
Eine Fürstin sondergleichen. 

Schlage, schlage denn empor,
Läutrungsglut des Weltenbrandes !
Steig´als Phönix draus hervor,
Kaiseraar des deutschen Landes!"

(Deutsche Kriegsklänge, Hrg. Johann-Albrecht, 1915)

Da Herzog Johann-Albrecht in den entscheidenden Vorkriegsjahren von 1907 bis Ende 1913 als Braunschweiger Regent die Kriegsstimmung entscheidend befördert hat, dürfte die Recherche seines Wirkens ein wesentlicher Punkt in der Aufarbeitung der Vorkriegsstimmung des Jahres 1913 sein. Der auf Johann-Albrecht nachfolgende Ernst-August von Hannover war ab Nov. 1913 vollkommen neu, die Bedeutung seines "Regierens" des Landes Braunschweig geht gegen Null.

"belle époque"? - Oder Geschichtsfälschungen um Viktoria-Luise

Viktoria-Luise 1913: militärisch-martial statt zivil-belle-epoche

Die hier abgebildete Ausgabe der Zeitschrift "Das neue Bild" Nr. 10/1913 erschien im März 1913 mit den preussischen Prinzessinnen.

Die linke auf dem Bild ist  Viktoria-Luise in Husaren-Uniform als "Chef des 2. Leibhusaren Regiments". Das war zwei Monate vor ihrer Hochzeit mit Ernst-August von Hannover (Mai 1913) und acht Monate vor Besteigung des Braunschweigischen Throns (Nov.1913).

Warum scheut man sich im Rathaus vor diesen Bildern und strickt stattdessen an der Legendenbildung und dem Schein-Bild einer jungen, chic und mondän gekleideten Braunschweiger Sissy?

Warum lassen Stadt und die städtische Stadtmarketing bereits jetzt schon angeheuerte Sissy-Schauspieler als Viktoria-Luise  in der Innenstadt flanieren ?

Im offiziellen Konzept für das Kulturprojekt 1913 wurde explizit darauf geachtet, Hinweise auf Militarismus und aufziehende Kriegsklänge auszuklammern - nur die "belle époque", die gute alte Zeit, soll mit dem Einzug des Fürstenpaares in Braunschweig sichtbar werden.

Wurde dem strammen CDU-Mann Prof. Stölzl mit der Konzepterstellung gleich das Kommando über die Braunschweigische Identität übergeben?

 Kriegsvorbereitungen sollen unbedingt ausgeklammert werden

"Der 1. Weltkrieg ab 1914 sollte thematisch unbedingt ausgeklammert werden", so mahnt Prof. Stölzl laut Protokoll in der Gesprächsrunde zur Konzepterstellung vom 14.6.2012, denn das Jahr "2014 steht ganz im Zeichen des Weltkrieges I, in ganz Europa wird das ein zentrales Thema sein."
Dagegen verfüge man in 2013 quasi über ein Alleinstellungsmerkmal, "in der Hochzeit von 1913 verbildlicht sich die Macht"; es sei "ein Glücksfall für die Region, da hat 1913 etwas Bedeutendes stattgefunden" - "das Thema gehört Braunschweig!"
(Stölzl-Zitate alle nach Protokoll des Gesprächskreises 14.6.2012, Hervorhebung von hiesiger Redaktion)

Prof. Pollmann warnte, das Projekt könnte von den Medien belächelt werden

Im Protokoll zum Gesprächskreis vom 14.6.2012 wird einer der Gäste, Prof. Pollman, zitiert, "auf jeden Fall sollten die Hannoveraner Welfen dabei [bzgl.der Hochzeitsfeierlichkeiten] einbezogen werden, sonst bestünde die Gefahr, das das Projekt von den Medien eher gelächelt werden könnte"
(Quelle: Protokoll der Gesprächsrunde vom 14.6.2012)

Siehe dazu auch den grundlegenden Aufsatz von Andreas Matthies "Weltgeltung für einen Moment?" 

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