20 - 10 - 2018

Beginn einer wunderbaren Freundschaft

"Wie heißt es im Abspann des Films "Casablanca" so schön? "Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft..." Ich würde mir wünschen, dass dies zwischen Braunschweig, Roselies und Rouen auch wirklich geschieht." -

... so kommentierte der Redakteur des Belgischen Nachrichtenportals flanderninfo.be, Andreas Kockartz, am 25. August 2015 das Ergebnis des Zusammentreffens offizieller Delegationen aus Braunschweig, Rouen und Roselies am 22.8. zum gemeinsamen Gedenken der Opfer in Roselies. Eine Premiere - immerhin - nach 101 Jahren!

Eintreffen der BIBS-Delegation in Roselies am 22. August 2015

In seinem Artikel auf flanderninfo.be hob er als Fazit hervor:

 "Braunschweig ist damit die erste Stadt Niedersachsens, die den Mut hat, sich zur Vergangenheit ihrer Regimenter im August 1914 in Belgien zu bekennen, um freundschaftliche Beziehungen über diese Erinnerungspartnerschaft aufzubauen..."  (flanderninfo.be)


Das Landesmuseum bestätigte dann auch noch - nach über einjähriger Forschung - die historischen Fakten der seinerzeitigen Kriegsverbrechen herzöglicher braunschweigischer Truppen am 22. August 1914, worüber dann auch die Braunschweiger Zeitung zum Wochenende am 17.9. berichtete:

"Historiker berichten von Kriegsverbrechen in Roselies - Die Forschungsgruppe des Landesmuseums legt ihren Bericht über die Ereignisse vom 22. August 1914 vor."
(BZ vom 17.9.2015)

Danach stand dann dem einmütigen Beschluss im Kulturausschuss am 11.09.2015 zur Errichtung eines Ortes der Erinnerung im Roselies-Baugebiet nichts mehr im Wege -

wie gesagt, ...der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Briefwechsel zu Roselies - Erinnerungspartnerschaft

Steine des Anstoßes - militaristischer Ehrenhain im Baugebiet Roselies

(Bild: Braunschweig-Spiegel)

   
Positiv anzumerken ist, dass nach fast halbjähriger Abstinenz am 15.5.2015 auch die BZ wieder zu Roselies berichtet. Anlaß dafür ist der Briefwechsel der beiden Bürgermeister (Monsieur Fersini in Roselies/Aiseau.. und Herr Markurth in Braunschweig).

Das war überfällig, nachdem bereits der Braunschweig-Spiegel und die BIBS in ihrer aktuellen Mai-Ausgabe Nr.13 von UNSER-BRAUNSCHWEIG, S.7 über Post aus Roselies berichtet hatten.


Toter Briefkasten

Nicht so positiv ist der erzeugte Eindruck, dass sich evtl. der Roselieser Bürgermeister so viel Zeit für seine Antwort gelassen hat (Zitat heutige BZ: "Lange Zeit hatte man auf ein Antwortschreiben aus Roselies gewartet...").

Mangelndes Interesse der Roselieser?

Mitnichten!

Der Brief von Markurth vom 19. August 2014 war an einen "toten Briefkasten" geschickt worden und hatte daher den Amtskollegen von Markurth, Monsieur Fersini gar nicht erreicht.

Die BIBS-Fraktion informierte sofort OB Markurth über diesen Umstand, als sie davon erfuhr, woraufhin der Brief von Markurth erneut losgeschickt wurde, diesmal aber an den richtigen Adressaten - den Bürgermeister Monsieur Fersini.


Pannen und Steine des Anstoßes anstatt Sensibilität im Umgang

Nachlässigkeiten im Braunschweiger Rathaus (Brief an falschen Adressaten geschickt) und Anstößiges ("Ehrenhain" für Militärverbände wie z.B. Schutztruppe Deutsch-Südwest) im Braunschweiger Neubaugebiet Roselies als militaristische Hinterlassenschaft? ...

... und dabei hatten wir uns doch viel mehr Fingerspitzengefühl beim Umgang mit Roselies versprochen.

Wer die offizielle Vertretung der Stadt zum diesjährigen (101.) Gedenken in Roselies/Belgien wahrnehmen soll, ließ OB Markurth offen.

Die BIBS hatte bereits Anfang Februar 2015 eine Einladung für den 22./23. August 2015 erhalten und wird diese auch wieder - wie im vergangenen Jahr - wahrnehmen.

In Braunschweig sollten nun schleunigst einige Vorbereitungen für die offiziellen Kontakte getroffen werden. Die BIBS-Fraktion fordert als Grundlage für die Erinnerungspartnerschaft einen Platz der Verbundenheit der beiden Roselies.

 

 

"Roselies" ist kein Mädchenname

Wissen Sie, was sich hinter dem idyllischen Namen „Roselies“ verbirgt?

Roselies ist ein kleines Städtchen in Belgien, nahe der Eisenbahnlinie Köln-Paris, welches 1914, in den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs, im Durchmarschbereich deutscher Truppen lag.

Belgien war neutral, aber was kümmerte das die kaiserlichen Truppen, welche den feindlichen Franzosen in den Rücken fallen wollten?  Als die deutschen Soldaten in Roselies einmarschierten, kam es bei nächtlicher Dunkelheit zu einem unübersichtlichen Feuergefecht, wobei nach dem Bericht eines Braunschweiger Teilnehmers ein Braunschweiger Offizier den 1. Schuss abgab. Für die Soldaten des 92. Braunschweigischen Infanterieregiments war Roselies ihre „Feuertaufe“.

Dazu folgende Tatbeschreibung eines Beteiligten: „Alle Häuser mussten gewaltsam erbrochen werden, es entspann sich im Innern ein wütender Kampf mit Kolben und Bajonett und da man mancher Hausbesatzung nicht habhaft werden konnte, weil die Verteidiger sich auf dem Boden versammelt hatten, so griff man zu dem einzig wirksamen Mittel in solchem Fall, man zündete die Häuser an. Bald stand dann die Dorfstraße an vielen Stellen in Flammen“.

Hitlers Wehrmacht setzte die Tradition fort, indem sie 1938 die neu erbaute Kaserne im Südosten der Stadt nach Roselies benannten. Der Name „Roselies“ war für sie ein Programm für den geplanten Vernichtungskrieg. „Wer den Krieg braucht, braucht das Lob seiner Werkzeuge.“ (Wolfgang Beutin)

Doch auch die Bundeswehr übernahm 1956 diesen Namen, ohne ihn zu hinterfragen. War es Blauäugigkeit oder wollte man die historische Wahrheit nicht wissen?

Noch viel dringlicher stellt sich diese Frage für die Zeit nach dem Abzug der Bundeswehr. Was wusste die Stadt Braunschweig, die das Gelände übernahm? Warum hat sie nicht recherchiert, was es mit diesem Namen auf sich hatte?

Heute, 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs,  heißen zwei Neubaugebiete, eine Straße und ein Kindergarten nach dem Ort der Kriegsgräuel von damals.

Im Sommer 2014, hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges, fordern wir, dass die Ereignisse von damals aufgearbeitet werden. Das muss nicht die Umbenennung des ganzen Quartiers bedeuten. Aber die Stadt soll sich gegenüber den Nachkommen der Opfer von 1914 zu ihrer Verantwortung bekennen.

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