18 - 02 - 2018

Leserbrief in der BZ vom 05.03.2013

Zum Artikel "Toll, dass 1913 die Menschen so elektrisiert" vom 04.02.2013

Mich elektrisiert nicht das Jahr 1913, sondern der Umgang mit der äußerst verengten Geschichtsbetrachtung und die Fokussierung auf Personen, die mit verantwortlich sind für Rückschritt, Unterdrückung, Elend und Krieg. Kein Wort über den verlängerten Arm des Herzogs - den Polizeiknüppel -, mit dem alle Versuche der Arbeiterschaft, sich aus dem Elend zu befreien, niedergehalten wurden.

Ein Beispiel dafür ist das bereits 1904 im Reich erlassene Reichsvereinsgesetz, das erst vier Jahre später im Schlusslicht der Entwicklung, dem Land Braunschweig eingeführt wurde. Dass dieses 1908 erlassene Gesetz zunächst nur unter erschwerten Bedingungen angewendet werden konnte, dafür sorgte auf Anweisung der rigiden Obrigkeit die Polizei. Immerhin war es den Frauen auf der erkämpften gesetzlichen Grundlage jetzt möglich, sich nicht nur in Vereinen der Wohlfahrt zu betätigen, sondern mit ihren Männern und Kollegen für das allgemeine, gleiche Wahlrecht zu kämpfen. Und alles vor dem Hintergrund der sichtbar drohenden Kriegsgefahr.

 

Die geschilderten erschwerten Bedingungen in Braunschweig führten zwangsläufig zu einer starken Politisierung der Arbeiterschaft, nach 1908 auch der Frauen. Minna Faßhauer, die in der Novemberrevolution 1918 zur Kommissarin für Volksbildung und Volkswohlfahrt vom Arbeiter- und Soldatenrat gewählt wurde, spielte in all den Jahren eine vorwärtsweisende Rolle. Diese Seite der Braunschweiger Geschichte vermisse ich bisher in der offiziellen Betrachtung.
Heide Janicki

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