20 - 10 - 2018

Professor Stölzl, Doktor Hoffmann und das Pippi-Langstrumpf-Prinzip

Veröffentlicht am Montag, 20. Mai 2013 - Geschrieben von Andreas Matthies

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ Was bei Pippi Langstrumpf noch Ausdruck von gesundem, kindlichem Selbstbewusstsein war, ist bei Männern wie Stölzl und Hoffmann, die ja doch die 60 deutlich überschritten haben, eher ein Anlass zur Sorge. Unverdrossen verkünden beide ein Bild von der Welt im Jahre 1913, wie sie es gern hätten; Tatsachen, die dem widersprechen, werden übergangen oder direkt geleugnet.

http://www.braunschweig-spiegel.de/index.php?option=com_content&view=article&id=3857:professor-stoelzl-doktor-hoffmann-und-das-pippi-langstrumpf-prinzip&catid=66:politik-kategorie-kultur&Itemid=146

1913 - ein Jahr der Offenheit?

Stölzl behauptet (als Kurator der Stadt Braunschweig) nach wie vor, dass man 1913 „keineswegs allgemein von Krieg ausging“. Lediglich „die, die Aufrüstungsstatistiken lesen konnten“, und dann noch „ein paar Künstler mit düsteren Visionen“ seien „vielleicht“(!) von einem bevorstehenden Krieg ausgegangen, aber „allgemein herrschte Fortschrittsoptimismus“ (BZ vom 16. Mai).

Schauen wir uns also noch einmal die Realitäten an – zunächst die auf Reichsebene, dann die im Herzogtum Braunschweig.

Schon 1912: 250 000 Teilnehmer auf Friedenskundgebung in Berlin

Die Balkankriege hatten begonnen und die Gefahr, dass daraus ein großer europäischer Krieg werden könnte, war in aller Munde. Deshalb wurde auch nicht nur in Berlin demonstriert, sondern auch in Wien, Paris, London, Rom und vielen andern Städten. Im November führte die Sozialistische Inter-nationale in Basel einen großen Friedenskongress durch. Die Teilnehmer wurden von der Basler protestantischen Gemeinde im berühmten Münster nach Kräften unterstützt, Pfarrer Jakob Täschler nahm mit dem Satz „Der Krieg steht im schärfsten Gegensatz zum Evangelium“ eine unmissverständliche Haltung ein. Der Kongress und das veröffentlichte Manifest gegen den Krieg wurden in den Medien im Deutschen Reich breit dargestellt. Die rechte Presse in Deutschland schäumte, viele Konservative ereiferten sich insbesondere darüber, dass „die rote Rotte ein Gotteshaus betreten durfte“ (so das Dresdner Blatt „Das Vaterland“).

Die Balkankriege, ein bitterer Vorgeschmack auf Massentod und Massenverstümmelung

In zwei Balkankriegen (1912 und 1913), die jeweils nur wenige Wochen dauerten, offenbarte sich bereits ein völlig neues Bild des Krieges. Fast 400 000 Soldaten fielen ihnen in der kurzen Zeit zum Opfer, Maschinen und ein anonymer Feind im Schützengraben prägten nun das Bild. Die damalige, durchaus schon moderne Berichterstattung vermittelte einen „ungekannt lebendigen Eindruck vom Kriegsgeschehen" (NZZ vom 15. März 2013).

Der Hamburger Autor Wilhelm Lamszus zeigte in seinem Roman „Das Menschenschlachthaus. Bilder vom kommenden Krieg“ , wie der möglicherweise bevorstehen-de industrialisierte Krieg aussehen würde. Der Roman erreichte sehr schnell eine so große Verbrei-tung, dass der Kronprinz persönlich beim Hamburger Senat intervenierte, um die Entlassung Lamszus´aus dem Schuldienst zu erreichen.Die Verbreitung eines scharfen, viele Menschen erschütternden Kriegsbildes musste denen, die einen solchen Krieg vorbereiteten, ein Dorn im Auge sein. Schon im Dezember hatte ja Kaiser Wilhelm II. a den kommenden Krieg als „auch für uns unvermeidlich“ bezeichnet; der Chef des Generalstabes von Moltke war sich mit Majestät völlig einig, dass dieser Krieg „je eher, desto besser“ erfolgen solle.

Herzogtum Braunschweig: intensive Propaganda für den kommenden Krieg

Natürlich blieb die entsprechende Propaganda auch den Bürgern des Herzogtums nicht verborgen. Im Gegenteil – es gab heiße Befürworter von Aufrüstung und Kriegsvorbereitung auf der einen Seite und harte Kritiker auf der anderen. Noch im November 1912 gab es eine Veranstaltung des „Deutschen Wehrvereins“ im „Hofjäger“. 2000 eingedeckte Sitzplätze und viele Stehplätze reichten nicht, alle Besucher zu fassen. Lokale Prominenz wie der Staatsminister a.D. von Otto oder Brigadekommandeur von Einem war zahlreich vertreten, um dem Vortrag des Generalleutnants von Wrochem zu lauschen. Und der ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: der nächste Krieg sei nicht fern, er müsse nun durch intensive Aufrüstung (Infanterie, v.a. 106 Maschinengewehrkompanien, Feldartillerie, Ersatzreserven usw. usf.) so vorbereitet werden, dass man im Ernstfall nur noch in den Jubelruf „Sieg, Sieg!“ ausbrechen könne( langanhaltender, stürmischer Beifall der Zuhörerschar). Von Wrochem scheute auch vor rassistischer Hetze nicht zurück: „schwarze Horden“ drohten (im französischen Heer) „Deutschland zu überschwemmen“, und wenn diese „entmenschten Bestien“ einmal losgelassen würden, wäre das „Schicksal unserer Frauen und Mädchen ..beklagenswert“ (Neueste Nachrichten vom 26.11.1912). Und all das wurde in Braunschweig zigtausendfach verbreitet durch ausführliche Berichte und zum Teil wörtliche Abdrucke der Rede in allen bürgerlichen Zeitungen.

Herzogtum Braunschweig: Sozialdemokraten kämpfen unermüdlich gegen den Krieg

Im Wesentlichen kam Kritik daran von den Sozialdemokraten. Deren Zeitung, der „Volksfreund“, war 1912, 1913 wie 1914 angefüllt mit Warnungen vor dem Krieg und mit scharfer Kritik an den politischen und sozialen Folgen der Aufrüstung. Wir nennen aus Platzgründen nur einige wenige Artikel wie „Vier Kriegshetzerreden in acht Tagen“, „Täuschung der Bevölkerung“, „Thermometer auf 220“, „Das Volk gegen den Rüstungswahnsinn“ oder „Es steigt die Flut“. Veranstaltungen unter dem Motto „Krieg dem Kriege“ wurden auch in Orten bzw. Ortsteilen wie Wenden, Klein Schöppenstedt, Gliesmarode oder Riddagshausen durchgeführt, wobei jeweils besonders die Frauen „freundlichst eingeladen“ wurden. Im April 1913 wurde ein französischer sozialistischer Abgeordneter eingeladen, um auch auf diesem Wege der Spaltung der Völker und Arbeiterschaften entgegenzuwirken.Der Mann wurde auf dem Bahnhof von der herzoglichen Polizei abgefangen und nach Hannover abgeschoben, seine „nicht gehaltene Rede“ wurde tags drauf im Volksfreund veröffentlicht. Für pazifistische Schriften wie Bertha von Suttners „Die Waffen nieder!“ (Deutschland Radio) wurde immer wieder intensiv geworben (Preis 60 Pfennig).

„Fortschrittsoptimismus“?

Da die damalige Gesellschaft scharf gespalten war (und das in Braunschweig ganz besonders), gab es auch den von Stölzl beschworenen Optimismus nur in gegensätzlicher, gespaltener Form: die einen waren für den Krieg und hofften auf „Sieg, Sieg!“, die andern bekämpften ihn und hofften vielleicht, dass die herrschenden Eliten vielleicht doch vor dem Krieg zurückschreckten oder dass es gelingen könnte, sie durch Aktionen wie Massenstreik davon abzuhalten. Mit naivem Fortschrittsoptimismus hat das jedenfalls nichts zu tun. Und dass der Krieg allenfalls ein Thema für eine verschwindende Minderheit gewesen sei, wie Stölzl behauptet, ist ganz offensichtlich falsch.

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